Von:
Wolfgang Raupach-Rudnick

e-toleranz.de

Toleranz, so sagt das Wörterbuch, heißt: dulden. So „duldete“ im 18. Jahrhundert Friedrich II. den Aufenthalt von Hugenotten und Juden in Preußen. Das war damals nicht selbstverständlich. In meiner Heimatstadt Hannover konnte damals Bürger mit allen Rechten nur sein, wer Lutheraner war. Toleranz damals hieß: Der Fremde wird nicht vertrieben oder gar getötet.

Dieses Verständnis von Toleranz ist heute zu wenig. Heute haben wir einen demokratisch verfassten Staat und die Menschenrechte stehen in der Verfassung. Toleranz heute heißt: Menschen anderer Kultur und anderer Religion respektieren und anerkennen. Bloßes Ignorieren ist noch keine Toleranz.

Die Kinder lernen das in unseren Schulklassen. Tobias ist evangelisch und Maria katholisch, Mehmet ist türkischer Herkunft und Muslim, und Vladimirs Eltern kamen aus Russland. Sie sind sich zunächst fremd und erfahren: „Du bist anders, Du feierst andere Feste, Deine Sprache klingt anders und die Musik, die Du hörst, mag ich gar nicht, aber es ist deine Musik. Das darf so sein.“ Manchmal wird dann auch der zunächst Fremde zu einem zuverlässigen Freund.

Aus der Akzeptanz wachsen Interesse und Neugier und Bereicherung: So wie ein Orchester nicht spielen kann, wenn es nur aus Geigen oder Flöten oder Pauken besteht – zu einem Orchester gehören alle Stimmen.

Trotz der Unterschiede können Menschen einen gleichen Ton finden. Lessing lässt beispielsweise den Tempelbruder zu Nathan sagen: „Ihr seid ein Christ! – Bei Gott, ihr seid ein Christ! Ein bessrer Christ war nie!“ Er hat im Fremden Eigenes wieder erkannt. Und Nathan bestätigt das und ehrt den Tempelbruder mit den Worten: „Wohl uns! Denn was mich euch zum Christen macht, das macht euch mir zum Juden!“

Und was ist mit der Toleranz gegenüber denen, die selber nicht tolerant sein wollen? Rechtsradikale etwa, die Fremde aus unserem Land herausdrängen wollen, aber für sich selbst politische Freiheit in Anspruch nehmen? In dieser Situation ist es gut, dass das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und freie Religionsausübung vorgegeben ist, eingeklagt werden kann und von Polizei und Gerichten geschützt werden muss. Die Grundrechte gelten für alle und darum kann es Toleranz gegenüber Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus nicht geben. Der Philosoph Karl Popper sagt es so: „Im Namen der Toleranz sollten wir das Recht beanspruchen, die Intoleranz nicht zu tolerieren!“